Observatorium 2010

Beobachtungen

Die Deutschen – wie Guido Knopp sie verkauft

Zur Rhetorik des Klitterns

Pathetisch romantisierende Musik, beinahe Wagnersche Allusionen ans Heroische und ein Tribun mimt das verbeulte Ethos eines Thomas Müntzer als Held – nicht etwa der thüringischen Bauern, sondern von Komparsen wie aus Hollywood, und ähnlich erstehen Karl IV. oder Hildegard von Bingen auf, nämlich als amerika-deutsche Märchenfiguren, die allesamt für so etwas stehen sollen wie einen deutschen Traum. Und die Suggestion geht noch viel weiter: Es wird mit süßeren Tönen geradezu impliziert, jener Traum sei wahr geworden. So entsteigen die historischen Figuren einer seltsamen Wundertüte des ZDF. Da sind denn die Klinsmanns von 2006 und die Özils von 2010 gar nicht so fern. Mit dem Zweiten sieht man eben wenig. Diese rhetorisch oder ästhetisch, also filmkompositorisch oktroyierte oder besser: mit großem Nachdruck und zugleich überzeugendem historischem Referat vorgegaukelte Einheit eines Konglomerats aus recht rohen und zerstrittenen Volksstämmen hat es leider nie gegeben.

Müntzer ist restlos gescheitert. Nicht zuletzt, weil Luther sich zu feige und zu subaltern dem Adel unterwarf. Dazu heißt es dann dort, Luther hätte die Fürsten für “seine Reformation” gebraucht. Anders herum stimmt der Schuh: Ein Teil der Fürsten nutzte Luther, um sich vom kaiserlichen Wien zu lösen und auf eigene Faust zu morden und zu unterdrücken. Im ZDF wird Müntzer als Held der ersten deutschen Revolution genannt. Da gab es aber keine Umwälzung, meine Herren, sondern ein Eingeweidefoltern und blutig Quetschen der Umstürzler, bis Ruhe war. Die zweite deutsche Revolution im Jahr 1848 ist ja auch erfolgreich geknickt worden und die dritte von 1989 schließlich war überhaupt gar keine, sondern ein Staatsbankerott.

Tatsächlich möchte die Serie „Die Deutschen II“ uns zeigen, was und wer wir gewesen sein sollen – und vielmehr: was wir immer noch sein sollen. Dabei bleibt restlos offen, wer denn die Deutschen eigentlich seien. Sollen wir die Summe einer Collage aus heroisierten geschichtlichen Figuren sein? Haben Sie da nicht noch ein paar vergessen? Goethe etwa fehlt. Also wenn wir Karl der Große, Hildegard von Bingen und Bismarck waren, dann mehr wohl noch Hitler. Sind wir nicht auch Seeler und Beckenbauer, Graf und Becker, Christus und Felix Mendelssohn – wir Deutschen? Natürlich sind wir im biederen Fokus eines ZDF das beinahe alles, nur nicht Göring oder Störtebeker, nein, um der Romatik willen, nein.      

Das, was einmal recht diffus „deutsche Kultur“ war und hätte unter Umständen auch eine kulturelle und moralische Einheit werden können, ist von den Friedrichs und Wilhelms gründlich erdrückt und dann auf immer zerstört worden. Nun, das wäre mal etwas für „ZDF History“ – 400 Jahre Zerstörung dessen, was Deutschland hätte werden können.

Nach 1945 dann kam die Anpassung an die Verhältnisse. Und genau das war und ist zum Beispiel deutsch: Fügen und Wes-Brot-ich-ess-des-Lied-ich-sing, Bücken, Treten und Kriechen, Verantwortung anderen überlassen, Unzufriedenheit bei einer eben hinreichenden Selbstzufriedenheit und stabilen Mauligkeit, Rücksichtlosigkeit gegen den anderen angeblich Deutschen, eine theatralisch erzeugte allzu heile Welt. Im Straßenverkehr und in Fußgängerzonen studiert man das anschaulich am allerbesten.

Übrigens hätte man doch auf das geliebte product placement nicht unbedingt ganz verzichten müssen. Hätte nicht Müntzer kurz vor seinem Ende noch neben einer Thüringer Bratwurst gefilmt werden können? Wie? Die gab’s zu seiner Zeit noch nicht? Ist doch egal.

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